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Kundenpotentiale für Breitbandnetze

Ohne schnelle Internetzugänge ist das Leben heute kaum mehr vorstellbar ... und „schnell“ beginnt in der Regel bei 16 MBit/s. Die Unterversorgungsgrenze liegt zwar offiziell bei 2 MBit/s, tatsächlich ist aber erst ab 6 MBit/s ein einigermaßen flüssiges Arbeiten möglich. Am anderen Ende der Skala werden bis zu 200 MBit/s angeboten. Allerdings gibt es keine Standard-Dienste, die heute über 50 MBit/s benötigen. Höhere Bandbreiten werden bei asymmetrischen Bandbreiten oft gewählt, um eine höhere Upstream-Geschwindigkeit zu bekommen. Aus den unter diesen Gesichtspunkten schwach versorgten Gebieten kommen häufig Beschwerden und Wünsche nach einer besseren Versorgung. Meist liegen diese Regionen am Rande oder abseits von Ballungsgebieten, sind dünner besiedelt und weisen eine niedrige Anzahl von Wohneinheiten pro Anschluss auf. Die Voraussetzungen für einen Breitbandausbau sind unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten in der Regel nicht besonders gut.

 

Von besonderer Bedeutung ist daher das in der betreffenden Region erzielbare Kundenpotential. Zur Abschätzung sind Kennzahlen aus dem (N)Onlineratlas geeignet, die jährlich von der Initiative D21 auf der Basis einer repräsentativen Erhebung ermittelt werden. Der Ausgangspunkt ist die Internetnutzung, die 2012 bei knapp 75,6% der Bevölkerung lag und damit um 0,9% über dem Vorjahreswert. Für das Kundenpotential relevant ist der Anteil der Internetnutzer, die einen Breitbandanschluss nutzen. Laut (N)Onlineratlas sind dies 57,1% und somit fast 5% mehr als im Vorjahr. Allerdings wird Breitband hier ab 1 MBit/s definiert und somit niedriger als die gängige Erwartung an einen Breitband-Anschluss. Leider gibt es keine repräsentativen Werte für die Nutzung höherer Bandbreite. Es ist nach Schätzung von STZ-Consulting Group zu vermuten, dass Bandbreiten oberhalb von 25 MBit/s nur von ca. 25% der Bevölkerung genutzt werden.

 

Für einen Anbieter von Breitbanddiensten gibt es bei der Abschätzung von Kundenpotentialen unterschiedliche Szenarien (für Gewerbebetriebe und Wohnungsbaugesellschaften gibt es abweichende Kaufentscheidungsfaktoren):

  • Unterversorgte Gebiete mit weniger als 2 MBit/s: hier ist mit einem Kundenpotential von 55 bis 60% zu rechnen entsprechend der durchschnittlichen Breitbandnutzung.
  • Schwach versorgte Gebiete mit weniger als 6 MBit/s: hier liegt das zu erwartende Potential bei ca. 25%.
  • Versorgte Gebiete mit mehr als 25 MBit/s: in diesem Fall ist davon auzugehen, dass Breitbandinteressenten bereits einen Vertrag mit einem Anbieter abgeschlossen haben. Selbst bei vergleichbarem Preis- / Leistungsverhältnis gibt es retardierende Momente. Ohne herausragenden Argumente für einen Wechsel (z.B. differenzierende Dienste) werden kaum mehr als ein Drittel wechseln, entsprechend ca. 8% der Bevölkerung. Bei einem weiteren Wachstum von ca. 5% kommen jährlich 2 bis 3% als Neukunden hinzu.

 

Das Szenario mit versorgten Gebieten ist für einen neuen Anbieter mit erheblichen Risiken verbunden. Die vorhandenen Breitbandbedürfnisse bei Haushalten und Betrieben sind hier bereits erfüllt. Dabei hängt es allerdings u.a. vom Image des Anbieters, der Qualität des Services und dem Preis ab, ob die vorhandenen Markt-Potentiale tatsächlich ausgeschöpft werden. Für einen neuen Anbieter bedeutet dies, dass er Kundenpotentiale primär durch Verdrängung gewinnen muss. Sind die Leistungen vergleichbar und keine differenzierenden Dienste vorhanden, die in ihrer Attraktivität für einen Wechsel ausreichen, bleiben Preis und Qualität als Kaufentscheidungsfaktoren.

 

Bei den im Wettbewerb in den letzten Jahren stark gesunkenen Telekommunikationspreisen scheint der Kaufentscheidungsfaktor „Preis“ laut Dr. Kaack von der STZ-Consulting Group eher ungeeignet. Ein (asymmetrischer) 100 MBit/s-Anschluss mit unbegrenztem Datenvolumen und einer (nationalen) Telefonflat für monatlich 40 Euro dürfte kaum noch signifikant unterboten werden können. Die Servicequalität ist zwar an die verfügbaren Budgets gekoppelt, aber immerhin können hier Unterscheidungsmerkmale erarbeitet werden. Beim Diensteangebot liegen Potentiale zur Differenzierung neben den gängigen „Killer“-Applikationen wie Telefonie, Email, Video- und Musikdiensten in Zielgruppen-spezifischen Diensten (kulturelle, sportliche oder Bildungsangebote mit lokalem Bezug), die von den überregionalen Anbietern bislang nicht angeboten werden.

 

Die Kosten für Leistungskomponenten wie Telefonie- und Email-Systeme, Billing, CRM-Lösungen und Kundenbetreuung sind weitgehend unabhängig von der genutzten Breitband-Technologie. Erhebliche Unterschiede ergeben sich dagegen bei den Kosten für die Verlegung von passiven Infrastrukturen (insbesondere Leerrohre, Muffen, Schächte, Hausabschlüsse) u.a. aufgrund von Topographie, Anschlusslängen, Bodenklasse und der Verlegetechnik. Die Wirtschaftlichkeitsrechnung für die passive Infrastruktur wird meist erst mit Amortisationszeiten von 15 bis 20 Jahren positiv und ist damit für viele der überregionalen Telekommunikationsanbieter zu lang. Bei einem Ausbau mit Glasfaser-Hausanschlüssen wird ein Glasfaser-PoP (Point-of-Presence) benötigt. Mit 500 bis 1.000 Anschlüssen kann ein solcher PoP wirtschaftlich betrieben werden. Bei 1.000 Anschlüssen ergeben sich (theoretische) Mindestgrößen für den Betrieb eines Glasfaser-PoPs:

  • Unterversorgte Gebiete  1.750 Anschlüsse
  • Schwach versorgte Gebiete  4.000 Anschlüsse
  • Versorgte Gebiete 12.500 Anschlüsse

 

Anschlüsse in benachbarten Ortsteilen können dabei über einen gemeinsamen PoP angeschlossen werden. Bei den abgeschätzten Größenordnungen wird deutlich, dass der Überbau von vorhandenen Infrastrukturen nur in Ausnahmefällen unter wirtschaftlichen Aspekten sinnvoll ist. Selbst in Ballungsgebieten werden Grenzen erreicht, wenn das Kundenpotential auf zwei oder drei parallele Infrastrukturen aufgeteilt werden muss. Umso wichtiger ist für Dr. Kaack daher der offene Netzzugang („Open-Access“), damit aus neuen „Monopolen“ bei der passiven NGA-Infrastruktur keine Dienste-Monopole werden. Dies ist selbst bei den bestehenden Infrastrukturen keineswegs selbstverständlich.

 

Ein spezielles Problem für die Umsetzung im ländlichen Raum sieht Dr. Kaack in der meist heterogenen Versorgungslage vieler Kommunen mit durch oft mehrere Anbieter gut versorgten Kernbereichen bei nur schwach versorgten Randgebieten. Da der Weiterbau der Infrastrukturen in die dünner besiedelten Gebiete für die Netzbetreiber aus den oben erläuterten Gründen oft unwirtschaftlich ist, müssen Kommunen und Kreise selber tragfähige Lösungen und Kooperationen finden. Die dauerhafte Benennung eines Breitbandbeauftragten ist ein notwendiger erster Schritt.

Jürgen Kaack 24.02.2013, 12.31

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