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Ausgewählter Beitrag

Konzeptpapier für Glasfaser-Migration und Digitalisierung - Teil 8

8.   Entwicklung digitaler Anwendungen und Förderung von Unternehmensgründungen mit digitalen Geschäftsmodellen


Der Aufbau von nachhaltigen Breitbandinfrastrukturen ist kein Selbstzweck sondern eine notwendige Voraussetzung zur Nutzung von digitalen Diensten. Wie das vor genau zehn Jahren gemeinsam von der Stadt Friedrichshafen und der Deutschen Telekom gestartete Innovationsprojekt „T-City“ gezeigt hat, gibt es kaum einen Bereich im öffentlichen, beruflichen und privaten Leben, der nicht von der Digitalisierung betroffen wird. Die breite Akzeptanz von Social-Media und Messenger-Diensten als Kommunikationsplattformen ist ebenso die durch Cloud- und Streaming-Dienste stark abnehmende Bedeutung physischer Datenträger nur Symptom für die Entwicklung.

 

Spektakulärer sind im Vergleich digitale Dienste, die das autonome Fahren ermöglichen sollen. Die Versorgungsunternehmen werden zukünftig nicht auf digitale Anwendungen verzichten können, um Stromnetze effizient steuern zu können. Mit einem Smart-Grid lassen sich die Erzeugung von Strom durch erneuerbare Energieträger, die Einspeisung und von konventionell erzeugtem Strom und der aktuelle Bedarf der Verbraucher abstimmen, so dass eine lokal optimierte Versorgung ermöglicht wird.



Im Bereich der schulischen Bildung hat sich gerade erst die Erkenntnis durchgesetzt, dass auch das Lernen durch digitale Anwendungen unterstützt werden sollte. Kurzfristig hat die Bundesregierung die lange überfällige Entscheidung getroffen, Aufgreifschwellen für die Breitbandversorgung nicht pro Gebäudeanschluss, sondern pro Klasse zu ermitteln. Damit kann (und sollte) jede Schule einen Glasfaseranschluss erhalten. Digitales Lernen benötigt allerdings deutlich mehr als einen Glasfaseranschluss. Eine  neue Inhouse-Verkabelung muss sicherstellen, dass die Bandbreite in die Klassenräume gelangt und ohne Endgeräte ist eine Nutzung kaum möglich. Es bedarf allerdings zusätzlich digitaler Lerninhalte und neuer Lernprogramme. Erst die Kombination von nachhaltigen Infrastrukturen, Endgeräten und digitalen Anwendungen schafft signifikante Fortschritte.

 

Industrie 4.0, Anwendungen zum vernetzten Arbeiten und Cloud-Applikationen sind für die Industrie und internationale tätige Unternehmen bereits gängige Werkzeuge. Im Mittelstand sieht dies in Deutschland bislang noch weitgehend anders aus. Schon im Rahmen des T-City Projektes konnte gezeigt werden, dass im Gesundheitswesen digitale Anwendungen nutzenstiftend wirken. Die Einbindung in die kassenärztlichen Abrechnungssyteme war damals eine hohe Hürde und dies hat sich vermutlich bis heute kaum geändert. Smart-Home Anwendungen schaffen Komfort, können die Sicherheit steigern und bessere Bedingungen für seniorengerechtes Wohnen in der gewohnten Lebensumgebung schaffen. Digitale Anwendungen in der öffentlichen Verwaltung erleichtern Behördengänge, beschleunigen die Bearbeitung von Vorgängen und steigern in Zeiten knapper öffentlicher Haushalte die Effizienz. T-City hat auch in diesem Bereich gezeigt, dass schon vor zehn Jahren durch digitale Anwendungen und Prozessautomation messbare Fortschritte möglich waren.

 

Wenn in so vielen Bereichen digitale Anwendungen sinnvoll nutzbar sind und verschiedene Smart-City Piloten weltweit die Vorteile belegen, müsste ein Industrieland wie Deutschland heute deutlich weiter sein in der Entwicklung und Umsetzung. Dass digitale Anwendungen auch erfolgreiche Unternehmensgründungen ermöglichen, zeigen bekannte Beispiele, überwiegend allerdings aus den USA. In Deutschland muss neben dem Aufbau von flächendeckenden und durchgängigen Glasfasernetzen die Entwicklung von digitalen Anwendungen gefördert werden. Es muss durch Aufklärung Akzeptanz für neue Dienste geschaffen werden und es müssen optimale Randbedingungen für die Gründung von Unternehmen mit „digitalen“ Geschäftsmodellen geschaffen werden. Gleichzeitig sind die bürokratischen Hürden für die Gründung von Unternehmen abzubauen.

 

Sofern Klarheit über die Ziele bestehen, sind Maßnahmen zur Umsetzung anzugehen. Eine Änderung von Verordnungen und Mentalitäten ist nicht kurzfristig zu erreichen, aber ohne einen konsequenten Beginn wird sich nur wenig ändern. Dies gilt gleichermaßen für flächendeckende Glasfaseranschlussnetze wie für eine steigende Rate von Unternehmensneugründungen.

 

Die öffentliche Hand hat die Aufgabe Rahmenbedingungen für die Entwicklung von innovativen Anwendungen zu schaffen und Bürokratie abzubauen. Insbesondere ist aber für eine enge Koordination der notwendigen Akteure wie z.B. Netzbetreibern, Hochschulen, Verbänden, kommunalen Versorgungsunternehmen mit verbindlicher Festlegung von Zielen und Vorgehensweisen zu sorgen. Die Koordinationsbemühungen müssen sicherstellen, dass die Zielfestlegung und Umsetzung nicht von Lobby-Interessen einzelner Akteure bestimmt werden. Der projektbezogenen kooperativen Entwicklung von innovativen digitalen Anwendungen mit den Forschungseinrichtungen und Hochschulen als Nukleus verbunden mit Ideenwettbewerben und zeitlich befristeter finanzieller Unterstützung kann beschleunigende Wirkung haben. Neben dem freien Wettbewerb um Ideen und Märkte, der auch in der Vergangenheit zu unerwarteten und erfolgreichen Entwicklungen geführt, sollten gezielt Digitalisierungsprojekte mit hoher Bedeutung für die Allgemeinheit initiiert und umgesetzt werden. Beispiele können eHealth-Applikationen für den ländlichen Raum sein oder die Einführung der eAkte in der Verwaltung. Die Durchführung von Pilot- oder Best-Practise-Projekten können stimulierend auf andere Marktteilnehmer wirken.

 

Ergänzend sollten Programmen zur Unterstützung von Unternehmensneugründungen im Bereich digitaler Anwendungen konzipiert werden, die neben der Erleichterung von Anforderungen für die Unternehmensgründung Angebote zur Finanzierung mit Risikokapital, Finanzierungshilfen, intensive Managementunterstützung und die Initiierung von Kooperationen bieten. In NRW sind die Digital-Hubs gute Ansätze in dieser Richtung. Unternehmensgründungen unter Mitwirkung von Universitäten, bei denen die Universitäten auch als Gesellschafter und Inkubator agieren, wären vermutlich noch wirkungsvoller. Viele innovative Ideen entstehen immer noch im universitären Umfeld. Bei der Initiierung und Koordination der Vorhaben könnten die Breitband-Kompetenz-Zentren der Ländern eine wichtige Rolle spielen, auch wenn die bisherige Ausrichtung sich auf die Schaffung der erforderlichen Infrastrukturen beschränk. Die Kompetenz-Zentren haben grundsätzlich gute Voraussetzungen für eine koordinierende Rolle, die beim Breitbandausbau ja auch bereits ausgeübt wird. Unterstützt werden könnte u.a. bei der Aufstellung von Geschäftsmodellen, Validierung von Geschäftsplänen, der Gestaltung von Kooperationen und mit einem Coaching der Gründer.

Jürgen Kaack 09.08.2017, 09.00

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Kommentare zu diesem Beitrag

1. von michaela greuter

:ok: - auch das mit dem IHK-Auftritt am 10.8. - gibt es dort die gleichen Info's wie hier?

vom 09.08.2017, 11.24
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