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Braucht der Mobilfunk-Markt Service Provider?

Für die Erschließung Entwicklung des Mobilfunkmarktes spielten die unabhängigen Service-Provider eine wichtige Rolle. Mehr als zehn Unternehmen dieses Geschäftsmodells sind in der ersten Hälfte der 90er Jahre an den Start gegangen. Einige davon sind schon bald wieder verschwunden, meistens auf dem Wege der Übernahme durch einen der Wettbewerber. Einige der Unternehmen sind heute längst wieder in Vergessenheit geraten, wie z.B. Unicom, Proficom, Bosch Telecom Service, Dekratel, Motorola Telco und eine Reihe von weiteren.


Die Reihe der Übernahme ist aber auch in den letzten Monaten nicht zu einem Stillstand gekommen, wie die Übernahme von Talkline durch debitel und schließlich die Übernahme der debitel-Gruppe durch freenet zeigt. Als wesentliche Anbieter sind heute noch freenet (mit debitel, Mobilcom und Talkline), Drillisch und The Phonehouse am Markt präsent. In vielen Fällen hat sich die Rolle der Anbieter gewandelt vom netzunabhängigen Telekommunikationsunternehmen zu einem Vertriebskanal der Netzbetreiber mit einem für die Kunden identischen Tarifangebot.

 

So haben die Service Provider einschließlich der unabhängigen MVNOs zusammen auf das Marktvolumen bezogen Ende 2008 voraussichtlich gerade noch 19 % Marktanteil. T-Mobile und Vodafone sind jeder für sich gesehen mit fast 30 bzw. 29 % deutlich stärker als alle Service Provider zusammen. Bislang hat auch das Modell des MVNO nicht zu einer signifikanten Erhöhung des Marktanteils geführt. Dabei hätte gerade dieses Geschäftsmodell die Chance zu einer Veränderung der Gewichte im Markt, da es deutlich näher am Netzbetreiber ist als der klassische Service Provider. Es zeichnet sich auch nicht ab, dass sich der Trend einer Verschiebung der Marktanteile zugunsten der Netzbetreiber in nächster Zeit wieder umkehren würde. Das Teilnehmer- und Nutzungswachstum erfolgt derzeit offensichtlich primär bei den Netzbetreibern.

 

Betrachtet man die Marktsituation Anfang der 90er Jahre, so wird deutlich, warum die Service Provider so erfolgreich waren. Zu diesem Zeitpunkt spielte sich das Marktwachstum im Bereich von 250.000 bis 600.000 Teilnehmer ab. Entsprechend gab es neben den etablierten Funkfachhändlern kaum geeignete Vertriebspartner. Die Gewinnung und Qualifizierung von neuen Vertriebspartnern bis zu den Discountmärkten war eine wichtige Aufgabe der Service Provider, die die Netzbetreiber alleine vermutlich erst viel später geschafft hätten. In einem für den potenziellen Nutzer neuen Markt waren die netzunabhängigen Service Provider zumindest scheinbar die neutraleren Partner, die die Angebote der Netzbetreiber gebündelt und mit eigenen Tarifmodellen und Mehrwertdiensten erweitert haben.

 

Der für den Markt aber vermutlich entscheidende Punkt war die Breite des Wettbewerbs und damit die Präsenz des Mobilfunkangebotes im Markt. Spätestens beim Übergang vom Wachstum zum Verdrängungswettbewerb hat dieser Aspekt ausgedient. Die Netzbetreiber haben in der Zwischenzeit selber eine hohe Präsenz im Markt mit eigenen Shops und Vertriebspartnern. Die Service Provider haben es in der Zeit nicht geschafft, ihr Geschäftsmodell nachhaltig von demjenigen der Netzbetreiber zu differenzieren. Weder konnte die Wertschöpfung weiterentwickelt werden, noch mit attraktiven Zusatzdiensten ein reeller Mehrwert geschaffen werden. So ist die Rolle der Service Provider reduziert auf ihre jeweilige Vertriebsstärke im Markt. Ob dies für die nachhaltige Absicherung des Geschäftsmodells für die Zukunft ausreicht, wird sich erweisen.

 

Enttäuschend ist bislang die Rolle der MVNOs im Markt, die als Netzbetreiber ohne Anschlussnetz grundsätzlich die beste Chance zur Differenzierung im Markt hätten. Aufgrund der nicht unerheblichen Investitionen in ein eigenes Kernnetz und der Marktmacht der Mobilfunknetzbetreiber ist das Geschäftsmodell allerdings auch riskant. Dies wird noc erschwert, wenn ein MVNO nicht einen eigenen starken Marktzugang besitzt. Bei Tchibo als erstem MVNO war dies mit den eigenen Outlets offensichtlich der Fall. Auch die Bündelung der Angebote von Mobilfunk, Festnetz und Internet fällt den kleineren Anbietern schwer, da zumindest die beiden Marktführer Telekom und Vodafone (mit Arcor) dies ebenfalls anbieten. So bleibt derzeit die Rolle der MVNOs auf bestimmte Marktnischen begrenzt. Recht erfolgreich konnten über die MVNOs z.B. ethnische Zielgruppen für den Mobilfunk gewonnen werden.

 

Der starke Preisverfall im Markt lässt wenig Spielraum für innovative Dienste. Im Gegenteil zwingt der Margendruck zu einer permanenten Effizienzsteigerung. So sind bei der Deutschen Telekom von 2000 bis 2008 die Mitarbeiter (auf der Basis von Vollzeitäquivalenten) um über 22 % reduziert worden. Auch bei den Wettbewerbern wurden im gleichen Zeitraum über 11 % der Mitarbeiter abgebaut. Die im November 2008 von freenet angekündigte Entlassung von 1.000 Mitarbeitern und die Schließung des bisherigen Talkline-Standorts in Elmshorn im Rahmen der Neustrukturierung nach der Übernahme der debitel-Gruppe sind nur konsequente weitere Schritte in dieser Entwicklung. Solche Rahmenbedingungen sind kein förderlicher Nährboden für die Entwicklung neuer und innovativer Dienste. So sind bislang aus dem Umkreis der MVNOs keine neuen Diensteangebote (z.B. im Umfeld von Konvergenz-Diensten) sichtbar geworden, eher versucht man sein Glück z.B. mit No-Frills und Discount-Angeboten.

 

Ohne wesentliche Änderungen in den Marktbedingungen wird sich der derzeitige Trend einer Verschiebung hin zu den Netzbetreibern wohl weiter fortsetzen. Da die Netzbetreiber die Vorteile einer Mehrmarken-Strategie wohl auch für sich erkannt haben, kann es Ihnen durchaus gelingen, einige der größeren Nischenmärkte selber erfolgreich zu bedienen. Dann stellt sich tatsächlich die Frage, ob der Markt für Service Provider und MVNOs auf absehbare Zeit eine andere Rolle bieten kann als diejenige eines weiteren Vertriebskanals!

Jürgen Kaack 25.11.2008, 08.58

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