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5. Breitbandgipfel in Frankfurt und die Veränderungen im Breitbandmarkt

Am 18.06.2014 fand in Frankfurt der mittlerweile 5. Breitbandgipfel des Landes Hessen statt. Mit 600 Teilnehmern wurde wieder ein neuer Rekord erreicht und die hohe Teilnehmerzahl dokumentiert das unverändert hohe - offensichtlich sogar zunehmende Interesse an Fragen in Verbindung mit einem nachhaltigen Ausbau von Hochleistungsnetzen.

Schon in den letzten Jahren konnte man beim Breitbandgipfel die Verschiebung von Anforderungen zur Erfüllung der Grundversorgung hin zu NGA-fähigen Infrastrukturen beobachten. Dieses Jahr stand der Einfluss des Vectoring-Ausbaus im Mittelpunkt mit seinem durchaus kontroversen Einfluss. Viele Kommunen profitieren von einem Vectoring-Ausbau, der im Vergleich zu VDSL in der Regel eine größere Flächenabdeckung ermöglicht. Auf der anderen Seite werden Eigeninitiativen von Kommunen und alternativen Anbietern oft beeinträchtigt oder gar verhindert.

Der Deutschen Telekom kommt dabei unverändert zugute, dass viele Kommune und Kreise sie doch immer noch am liebsten als Partner für einen Ausbau hätten. So kann die Telekom wohl auch darauf hoffen, dass ihr später die jetzt gebauten Infrastrukturen günstig zufallen, entweder durch Kauf oder eine günstige Anmietung. Da ist es erfreulich zu hören, dass einige Kommunen trotz des Gegenwinds durch Vectoring ihre Glasfaser-Ausbauprojekte konsequent durchführen. Die Stadt Rüsselsheim ist hier ein Vorzeigeprojekt.

Während die Anmietung von Trassen und Kapazitäten im Bereich der nationalen und internationalen Backbone-Netze schon seit vielen Jahren von allen Betreibern genutzt wird, ist die Anmietung von Anschlussnetzen immer noch die Ausnahme. die Telekom betreibt seit mehreren Jahren den Aufbau eines Whole-buy Prozesses zur Anmietung fremder Infrastrukturen, kommt aber offensichtlich hiermit nicht voran. Man könnte fast vermuten, dass dies auch im Sinne der Unternehmensstrategie so gewollt ist. Eine verstärkte Whole-buy Aktivität hätte ja vermutlich Einfluss auf die Vectoring-Strategie und könnte den Bau von passiven Anschlussnetzen durch kommunale Institutionen intensivieren?


Neben den Beeinträchtigungen von anderen Breitbandvorhaben durch Vectoring wird immer wieder die fehlende Transparenz über die Ausbauplanungen bemängelt. Da die Einflüsse von Vectoring nicht unerheblich sind, sollten Kommunen und alternative Anbieter möglichst früh Kenntnis über entsprechende Planungen erhalten.

Ein zunehmendes Problem stellt für alle Anbieter
die immer noch sehr niedrige Akzeptanz von schnellen Internetzugängen dar. Nach Schätzungen von STZ-Consulting nutzen gerade mal 20 bis 25% der Haushalte in einem NGA-versorgten Gebiet tatsächlich Bandbreiten von 30 Mbit/s oder mehr. Die Wechselbereitschaft zu einem NGA-Anbieter ist nur dann höher, wenn die Ausgangs-Bandbreite deutlich unter 16 Mbit/s liegt. In diesem Punkt ist insbesondere die Politik gefordert, um durch geeignete Kommunikationsmaßnahmen das Bewusstsein für die Bedeutung schneller Internetzugänge und die Bereitschaft zum Wechsel zu einem Anbieter mit höheren Leistungen zu steigern. Aber auch die Anbieter könnte hierfür mehr tun, der Einsatz von Drückerkolonnen zum Abschluss von Haustürgeschäften ist nicht unbedingt das beste Mittel.

Alle Anbieter vernachlässigen die Entwicklung neuer Dienste für die schnellen Netze. Zwar sind multimediale Inhalte und insbesondere das lineare Fernsehen die Treiber für die Nutzung von schnellen Anschlüssen. Aber die Umsetzung innovativer Dienste findet bislang nur in Form von Diskussionen über zukunftsgerichtete Ideen in den immer gleichen Bereichen statt: Bildung, Gesundheit, Energie, Verwaltung, Wirtschaftsprozesse und Unterhaltung. Nach vielen Jahren der Beschäftigung mit Telekommunikationsthemen ist mein persönliches Ergebnis der Ursachenanalyse, dass die unverändert geschlossenen Wertschöpfungsketten aller Anbieter das Haupthindernis darstellt. Eine Öffnung und Kooperationsbereitschaft wird zwar gerne verbal bekundet, in der Umsetzung findet sie kaum statt. Gerade neue Dienste für kleine und regionale Zielgruppen können nur in enger Kooperation mit Diensteanbietern, Vereinen und Institutionen entwickelt und betrieben werden.

Der Erfolg des hessischen Breitbandgipfels bestätigt, dass es einen Bedarf an einer Austauschplattform zwischen Politik, Kommunen, Kreisen und Netzbetreibern gibt. Bedauerlich ist, dass es insbesondere in NRW keine vergleichbaren Kommunikationsplattformen gibt. Das Bewusstsein für die Bedeutung des Zukunftsthemas Breitband ist bei Politik und Regierung leider kaum irgendwo so ausgeprägt vorhanden wie in Hessen.

Jürgen Kaack 19.06.2014, 13.01

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